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Thomas Scheytt: Voller Körpereinsatz in Wohnzimmeratmosphäre
Badische Zeitung vom 08.11.2007
Der bekannte Blues- und Boogie-Pianist Thomas Scheytt spielt zum zweiten Mal im Bürgerhaus in Gallenweiler
HEITERSHEIM/GALLENWEILER. Ein trüber Sonntagmorgen im November. Alle Parkplätze in Gallenweiler sind belegt. In der Wohnzimmeratmosphäre des Bürgerhauses gibt's Ragtime, Blues und Boogie-Woogie vom Feinsten und zum Mitswingen. Zwischen Schweiz und Hamburg macht "einer der schwärzesten Boogie- und Bluespianisten weißer Hautfarbe" zum zweiten Mal Station. Zu verdanken haben die Fans das Ereignis persönlichen Kontakten von Bürgerin Ingrid Wulff.
Thomas Scheytt kommt aus den deutschen "Südstaaten" . Er ist gebürtiger Schwabe und seit 1980 Wahl-Freiburger. Wer ihn im November 2006 in Gallenweiler erlebte, ahnt Außergewöhnliches. Der 47-jährige Ausnahme-Pianist erhielt als Pfarrerssohn schon früh Klavier- und Orgelunterricht, liebäugelte mit einer Ausbildung zum Kirchenmusiker und tendierte dann doch zum Philosophiestudium. Um das zu finanzieren, tingelte er durch Kneipen, den Blues in der Seele. Bestechend vielseitig. Die Karriere nahm ihren Lauf.
Sechs Jahre später tat er sich mit Ignaz Netzer zum "Oldtime Blues & Boogie Duo" zusammen und gründete 1991 zusätzlich das Trio "Boogie Connection" . Von diesen unterschiedlichen Formationen leben Terminkalender und CD-Aufnahmen. "Abends ist er kaum zu kriegen" , weiß der Bürgervereinsvorsitzende Siegfried Kunz, der es lange probierte. Aber als Matinee mit Soloprogramm hat es noch mal geklappt. "Gallenweiler hat etwas ganz Eigenes" , gesteht Thomas Scheytt. Das Publikum ist ganz nah. Jede Regung wird spürbar. Er, der gewohnt ist, 50 bis 500 Zuhörer mitzureißen, genießt diese Intimität. Hier ist die Aufmerksamkeit ungebrochen. Keine Bühnendistanz, kein Besteckgeklapper, keine Ablenkung.
Das hundert Jahre umfassende Notenarchiv hat Thomas Scheytt im Kopf. Kein Mensch könnte so schnell lesen, wie er spielt. Mit geschlossenen Augen bearbeitet er die Tasten. Spielt mit Leib und Seele. Hände und Füße im virtuosen Einsatz. Melodiös bei "Mecca-Flat-Blues" , voller Vibration beim "Loretto-Infirmary" aus seinem ersten Freiburger Unterwiehre-Quartier.
Im Verlauf der beiden Sets lässt er sich von Blues, Boogie und Ragtime erfassen. Niemand kann sagen, ob er der Musik folgt oder die Musik ihm. Hämmernd bis zur Ekstase. Rollende Bassfiguren und rhythmisierte Melodieformeln bringen den Saal zum Beben. Scheytt ist sein eigenes Schlagzeug, selber Begleiter. Beim "Hell Valley Stomp" imitiert er die Höllentalbahn auf ihrem Trip. Karibische Rumbaeinflüsse bringen ihn mit seinem Hocker zum Tanzen. Da bleibt kein Muskel ruhig.
Ob vergrübelte Titel, Heiteres oder Kreisendes, Lautes und Leises, immer stärker ergreifen "Inner Voices" ganz von ihm Besitz, bilden eine Einheit von Mensch und Musik, Klavier und Klang. Ein Mann kurz vor dem Abheben, entrückt von der Faszination seiner eigenen Tonfolgen, vom perfektionierten Rhythmus, der ansteckt wie ein Virus. Ein begnadeter Special-Pianist, der seine Musik lebt und von ihr gelebt wird. Für den 9. November 2008 ist er wieder verpflichtet.
Text und Foto: Sabine Model



