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Thomas Scheytt: Der Freiburger Boogie-Mann
Jazzpodium 10/07
Das mit dem Blues, das hat bel Thomas Scheytt schon früh angefangen: Als Teenager setzte er sich mit dem Kassettenrecorder hin, um die Tricks und Kniffe der großen Boogie Pianisten der Drejßiger- und Vierzigerjahre des 20, Jahrhunderts rauszuhöre nund nachzuspielen, Dass er einmal ein bestens gebuchter und einer der begehrtesten und ausgereiftesten Boogie-Pianisten Deutschlands werden sollte, das hätte er sich damals, Mitte der Siebzigerjahre nicht träumen lassen. Aber genau so sollte es kommen. Mindestens 150 Mal im Jahr sitzt Thomas Scheytt auf der Bühne am Klavier. Manchmal tritt er als Solokünstler auf, meist aber mit seinen Formationen Netzer & Scheytt und Boogie Connection.
Als Sohn eines Pfarrers aus dem schwäbischen Murrhardt war der 1960 geborene Thomas Scheytt von klein auf mit der Kirchenorgel vertraut. Er begleitete Gonesdienste, Hochzeiten und Beerdigungen und liebäugelte eine Zeit lang mit dem Gedanken, Kirchenmusiker zu werden. Doch dann packte ihn des "Teufels Musik" wie Blues und Boogie vor hundert Jahren noch häufig genannt wurden. Was er hörte war für ihn eine musikalische Sensation und Offenbarung. Scheytt wollte wissen, wie das alles gespielt wird und begann in stundenlan- gen Sessions, sich die Musik von Bändern abzuhören.
"95 Prozent hab ich mir selbst erarbeitet, fünf Prozent von Kollegen gelernt'", sagt er heute. Mit der Zeit entstand so sein erstes Repertoire. Und der Grundstein einer autodidaktisch erarbeiteten Karriere, die Scheytt in die erste Liga der Bluespianisten in Europa befördern sollte.
Als Scheytt vor über einem Vierteljahrhundert zum Philosophie-, Germanistik- und Geschichtssludium nach Freiburg kam, finanzierte er sein Studium nebenbei mit Auftritten in Kneipen und Clubs.lrgendwann wurde es mehr und mehr mit der Musik und immer weniger mit dem Studium. "Geplant hab ich das nicht", sagtThomas Scheytt heute. "Es hat sich halt so ergeben."
1986 gründete er zusammen mit dem Gitarristen und Sänger Ignaz Netzer das Oldtime Blues & Boogle Duo, das sich seit einigen Jahren griffig nur noch Netzer & Scheytt nennt. Netzer & Scheytt haben sich dem frühen Blues, den Roots des Rock'n'Roll verschrieben. Thomas Scheytts Klavier spielt eine tragende Rolle, sei es als gefühlvolle Begleitung oder als rasante Solonummer. Ignaz Netzer singt mit rauchiger Stimme und spielt eine hervorragende Slide-Gitarre und Mundharmonika. Drei Platten haben sie seit 1989 veröffentlichl, die vierte ist in Arbeit. Als Netzer & Scheytt sich 2001 mit der Jazzerin Barbara Dennerlein zum Album "Drownlng In The Blues" zusammenta-ten, wurde das Ergebnis vom Fachmagazin Bluesnews als "eine der besten CDs made in Germany" gefeiert.
1991 gründete Scheytt mit der Boogle Connection ein weiteres Ensemble. Gründungsmitglied ist Christoph Platt. der ausdrucksstarke Sänger und Gitarrist. Mit Hiram Mutschler und Paul Weidlich stehen abwechselnd zwei versierte Schlagzeuger zur Verfügung, die dem Blues und Boogie der Band zur Partylaune verhelfen. Die Band hat nahezu jedes bedeutende deutsche Festival belebt und nimmt mit über 100 Auftritten in ganz Europa im Jahr den Löwenanteil von Scheytts musikalischem Schaffen In Anspruch. Sechs Platten liegen bereits vor, ein aktuelles Live-Album ist ganz frisch auf den Markt gekommen.
"Was mir die Musik gibt und was ich mit ihr erreicht habe, das kann man nicht anstreben, das kann man sich nur wünschen", sagt Thomas Scheytt mit Blick auf seine Karriere: Seit 15 Jahren ist er durchweg gut gebucht. Seit fünt Jahren sind es im Schnitt mehr als 150 Auftritte im Jahr. Zeit für Soloauftritte bleibt ihm nur wenig. "Mein Hauptanliegen ist es, dass die beiden Bands gut laufen!'"
Dennoch hat Thomas Scheytt auch zwei SoIoplatten aufgenom-men, von denen vor allem die 2003 erschienene CD "Inner Voices" bei Kritikern sehr gut aufgenommen wurde. Das Jazz Podium sprach seinerzeit von einem "großartigen, sehr persönlichen Album", das Scheytt selbst auch heute noch besonders am Herzen liegt.
Einzig in Freiburg ist es nicht ganz so leicht für den Mann am Klavier: Einmal im Monat, in der Regel am dritten Mittwoch, tritt Thomas Scheytt solo im "San Marino" in der Hansjakobstraße auf. Blues und Pizza, das sind auf den ersten Blick zwei ungleiche Partner, doch im Lauf der Jahre hat sich der regelmäßige Boogle- und Ragtime-Abend im Osten der Stadt etabliert. Thomas Scheytt und sein Publikum In Freiburg wissen, wo sie einander finden können. Am liebsten spielt Thomas Scheytt vor einem konzentrierten Publikum, das wirklich zuhört und sich von der Musik mitreißen lässt. "Es kann schon vorgekommen, dass ich mal keine Lust zu spielen habe. Wenn dann das Publikum toll ist, kommt die Freude nach wenigen Minuten zurück".
Was natürlich nicht heißt, dass es nicht auch Tiefschläge und kleinere Katastro- phen geben kann: "Mitte der Neunziger sollten wir mal in der Nähe von Zwickau spielen. Nach acht Stunden Fahrt kamen wir in dem Laden an, der Wirt hatte aber völlig vergessen, dass wir gebucht waren! Es gab keine Werbung und nichts. Ignaz und ich haben dann eine Stunde gespielt und sind wieder heimgefahren, jeder in Gedanken bei der Frage, welcher Beruf für uns sonst noch In Frage käme".
Thomas Scheytt ist ein Mann, der längst seine Berufung gefunden hat. Ein beeindruckender Musiker, der nicht zuletzt auch ein musikalisches Aushängeschild für seine Wahlheimat Freiburg geworden ist. Als Schwabe? "Das ist längst geklärt," lacht er. "Ich bin Schwabe von Geburt und Badener aus Überzeugung!"
Ralf Deckert



