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CD-Besprechung "Inner Voices" von Hans Jürgen "Specht" Bock
Das Maß aller Dinge zur Beurteilung der technischen und musikalischen Fähigkeiten eines Pianisten liegt seit jeher in seinem Solospiel, kann er sich doch nicht auf einer kompakten Rhythmusgruppe „ausruhen" oder sich durch die solistische Arbeit seiner Mitmusiker immer wieder einmal entlastet fühlen. Thomas Scheytt hat sich mit seiner nunmehr vorliegenden zweiten Solo-CD erneut dieser Herausforderung gestellt und sie (soviel sei schon jetzt gesagt) bravourös bestanden.
Wegen der enormen stilistischen Bandbreite und dem schier nicht versiegenden Einfallsreichtum nehmen die Eigenkompositionen von Thomas Scheytt völlig zu Recht auf dieser CD mit neun von insgesamt 13 Titeln einen breiten Raum ein. Invitation To The Blues ist in seiner ohnehin reizvollen Achttaktigkeit und seinem Mediumtempo geradezu der ideale Einstieg in dieses Album.
Der in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Ignaz Netzer entstandene Ticino Boogie wiederum begeistert durch seine Motorik und seine unpunktierten Achtel in der rechten Hand. Ganz anders kommt hingegen Loretto Infirmary daher: Hier bestimmt eine gefühlvolle, sehr viel Ruhe ausstrahlende Melodik, unterlegt von einer sogenannten Stride-Begleitung, das Geschehen. Mit Hell Valley Stomp und Goin`Home Blues präsentiert uns Thomas Scheytt zwei Titel, die mich ganz besonders begeistert haben. Ganz im Geiste der Pianisten Dr. John und James Booker (beide haben das Blues-Klavier in New Orleans in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit ihrer eigentümlichen Mischung aus traditionellem Blues und karibischen Einflüssen verkörpert) zu musizieren, ist in dieser Republik neben Thomas Scheytt nach meinem Dafürhalten nur sehr wenigen Pianisten vergönnt. Lost In Thought ist eine äußerst gelungene Komposition, in sich selbst ruhend und geschmackvoll.
Dies gilt auch in gleichem Maße für das Stück Inner Voices, das dieser CD den Namen gegeben hat - ein subtiles Werk voller Nachdenklichkeit und Melancholie. Hinreißend wiederum in ihrer Motorik und ihrer tadellosen spieltechnischen Bewältigung sind die Titel Flying Fingers Boogie und Tribute To Meade „Lux" Lewis, eine Verbeugung vor den alten Meistern dieses Genres, vor denen sich Thomas Scheytt ganz gewiß nicht zu verstecken braucht.
Mit einer nahezu beispiellosen Stilsicherheit (ohne seine eigene Handschrift zu verleugnen!) präsentiert uns Thomas Scheytt zudem vier Fremdkompositionen. Besonders verdient macht er sich dabei mit der Einspielung des von dem hierzulande leider völlig unbekannten, offenbar aus dem Umfeld von Louis Armstrong hervorgegangenen Pianisten Hermann Chittison stammenden Stückes South Of The Blues, vorgetragen in einer Mischung aus Blues- und Stride-Piano und mit einem gefühlvoll hingehauchten Schluß versehen. Something You Got begegnet uns in der für den Komponisten Chris Kenner so typischen Mischung aus Gospel, Soul und Rhythm & Blues, die diesem zurecht in den 60er - Jahren eine ungeheure Popularität eintrug. Ganz überrascht bin ich von dem von Pete Johnson stammenden Stück Just For You.
Offenbar hat sich Johnson, der zu dem in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts alles überstrahlenden Dreigestirn Albert Ammons, Meade „Lux" Lewis und Pete Johnson gehörte, auch mit dem in den 30er - Jahren beginnenden Zeitalter des Stride - Pianos befaßt. Hier sind deutlich Anklänge an die Spielweise des frühen Teddy Wilson erkennbar. Schließlich und endlich habe ich mich sehr darüber gefreut, daß Thomas Scheytt mich, wie bereits auf seiner ersten Solo-CD, mit der Einspielung einer meiner Eigenkompositionen, diesmal mit dem Gilliflower Rag, berücksichtigt hat.
Nach meiner Auffassung gibt es in unserem Land eine Gruppe von gerade einmal einem halben Dutzend Blues- und Boogie-Pianisten, die die gesamte einschlägige Szene bestimmen. Hierzu muß bereits seit mehreren Jahren Thomas Scheytt gerechnet werden. Nachdem jetzt seine zweite Solo-CD vorliegt (auf sechs Titeln wird er übrigens von dem Schlagzeuger Hiram Mutschler in sehr sensibler Weise und mit einem hervorragenden Timing begleitet), zähle ich Thomas Scheytt zur Spitze in diesem Genre.
Mit dieser wunderschönen und brillant vorgetragenen CD zeigt Thomas Scheytt, dass er noch „bluesiger", „schwärzer" und damit „erdiger" geworden ist, als wir ihn schon kannten.
Hans Jürgen "Specht" Bock



