Thomas Scheytt

Ragtime · Blues · Boogie Woogie

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  • CD-Besprechung "Inner Voices" von Dieter Stahn

    Wer Ohren hat zu hören, der höre! Hören Sie bei der CD „Inner Voices" genau hin! Dann werden Sie verstehen, warum das Spiel von Thomas Scheytt aufhorchen läßt. Oder zählen Sie schon zum stetig größer werdenden Kreis derjenigen, die den Freiburger Blues & Boogie Woogie-Pianisten begeistert erlebt haben? Sei es live im Konzert, sei es auf einem der bisher neun Tonträger, die es mit ihm oder von ihm gibt. Drei dieser CDs enthalten Einspielungen mit dem kongenialen Sänger und Gitarristen Ignaz Netzer, mit dem Thomas Scheytt seit 1986 das in seiner Art einzige Oldtime Blues & Boogie Duo bildet. Fünf andere CDs stellen die fulminante Musik des von Thomas Scheytt 1991 mitbegründeten Trios Boogie Connection heraus. Der Sänger und Gitarrist Christoph Pfaff ist ebenfalls Mitbegründer dieser beliebten Formation und ihr „Spiritus Rector" seitdem. Als Schlagzeuger der Boogie Connection glänzt schließlich seit dem Jahr 2001 der Freiburger Hiram Mutschler, der Thomas Scheytt auch bei einigen Titeln auf der vorliegenden CD „Inner Voices" versiert unterstützt.

    Bleibt noch die CD von Thomas Scheytt aus dem Jahr 1996 zu erwähnen. „The Blues In My Soul" ist eigentlich eine Solo-Präsentation, obwohl streng genommen nur vier der 13 Musikstücke darin „reine" Solo-Einspielungen sind; bei den übrigen Titeln wirken Schlagzeug oder Waschbrett begleitend mit. Die CD „The Blues In My Soul" stellt meines Erachtens insofern etwas Besonderes im musikalischen Schaffen von Thomas Scheytt dar, als sich darin ankündigt, was in der vorliegenden CD „Inner Voices" einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Thomas Scheytt tritt mit wunderschönen Eigenkompositionen an eine breite Öffentlichkeit.

     

    An dieser Stelle möchte ich als bekennender „Scheyttianer" einen gemeinsam erlebten Abschnitt der musikalischen Karriere von Thomas Scheytt etwas näher behandeln, nämlich die Zeit seit unserem ersten Zusammentreffen im Februar 1994. Ich kann dabei an Ausführungen anknüpfen, die ich seiner Solo-CD des Jahres 1996 im zugehörigen Booklet mit auf den Weg gab. Dort heißt es u.a.: „Von Anfang an haben mich bei Solo-Darbietungen von Thomas Scheytt vor allem jene ruhigen, gefühlvollen Stücke fasziniert, von denen er erst später offenbarte, dass es eigene Kompositionen sind. Diese Eigenkompositionen waren bisher nur vor einheimischem Publikum zu hören. Wir schätzen uns glücklich, dass einige davon in die vorliegende CD aufgenommen wurden."

     

    Thomas Scheytt hat als aufrechter Schwabe auch in der Folgezeit seinen musikalischen Lebensweg instinktsicher und beharrlich weiter verfolgt; er ist, was die Ausdrucksvielfalt und Eindringlichkeit seiner pianistischen Aussage anbelangt, inzwischen noch mehr gereift und „bei sich angekommen". Genau dies belegt die vorliegende CD.

     

    Spontaneität, unbändige Spielfreude, hohes technisches Können, bewundernswerte Virtuosität und absolute Hingabe zeichnen Thomas Scheytt in seinem Piano-Spiel aus, seit Blues, Boogie Woogie und Ragtime zu seinem Lebenselexier und zu seiner Existenzgrundlage wurden. Um diese Eigenschaften bei jedem Auftritt zu reproduzieren, bedarf es neben großer Selbstdisziplin auch der richtigen Motivation. „Ich habe immer nur gespielt, was mich selber faziniert ", hat Thomas Scheytt einmal in einem Zeitungsinterview bekannt. Und das sind für ihn hauptsächlich Blues, Boogie Woogie und Ragtime; Musik also, deren Anfänge in das erste Viertel des 20. Jahrhunderts reichen.

     

    Da Thomas Scheytt bei seinen Auftritten die Wechselwirkung mit dem Publikum braucht und sucht, ist es leicht nachzuvollziehen, warum er schon früh den Boogie Woogie zu seiner Paradedisziplin erkor. „Ich liebe Boogie Woogie als eine ekstatische und - in gewissem Sinn - maßlose Musik", vertraute er einmal einem Radio-Moderator an. Diese Art von Musik elektrisiert, reißt mit, erweckt Begeisterung und überschäumende Lebensfreude. Entsprechend reagieren die Zuhörenden, jüngere wie ältere Semester. Auch wenn sich das Phänomen vielleicht nüchtern mit einem verstärkten Ausstoß von Adrenalin im Körper erklären läßt, so bleibt, dass diese Musik zu einer lockeren Befindlichkeit und eigener aufbauender Aktivität animiert.

     

    Thomas Scheytts explosive Darbietung von Boogie Woogies zeichnet sich durch rasante Tempi und dennoch höchst genaue Virtuosität und vorwärtstreibende Akzentuierung aus. Seine hervorragende Anschlagtechnik vermeidet den Eindruck eines mechanisierten „Hämmerns" auf dem Klavier und hat mit dazu beigetragen, dass Thomas Scheytt sich in Deutschland und der Schweiz mittlerweile großes Ansehen erworben hat. Seine kraftvolle Spielweise mit vieltönigen Akkorden, verbunden mit brillianten Läufen der rechten Hand, ruft eine opulente Klangfülle hervor.

     

    Anders verlief die Entwicklung bei der Blues-Musik von Thomas Scheytt. Ihr hoher Rang, insbesondere bei Eigenkompositionen, wurde erst in den letzten Jahren und erst allmählich erkannt. Dies hing damit zusammen, dass Thomas Scheytt lange zögerte, persönliche Empfindungen, die ihn auch musikalisch beschäftigen, offenzulegen. Von Natur aus eher introvertiert, spielte er eigene Blues-Stücke bei Auftritten anonym und quasi „für sich selbst".

    Der Blues: Die Musikwissenschaftler haben uns gelehrt, dass darunter nicht nur ein zur Kunstform entwickeltes schwermütiges Volkslied der nordamerikanischen Schwarzen zu verstehen ist, sondern auch eine daraus entstandene, durch Erniedrigung des dritten und siebten Tons der Tonleiter gekennzeichnete Musikform des Jazz, in der durchaus ganz unterschiedliche Gefühlsregungen ausgedrückt werden können. Damit wird eine Definition des Begriffs ziemlich diffus; man könnte überspitzt sagen, dass jeder Komponist oder Interpret des Blues ihn auf individuelle Weise definiert.

     

    Für Thomas Scheytt ist „Musik in vielerlei Hinsicht wie eine Sprache, mit der ich etwas von mir zu erzählen versuche". Bei der ihm eigenen Nachdenklichkeit und zuweilen Melancholie kommt ihm der Blues sehr entgegen, da sich im Blues das Gefühlvolle und betrübende Empfindungen wie Enttäuschung, Trauer und Einsamkeit besonders gut ausdrücken und zugleich mit Hoffnung auf eine Wende zum Besseren verbinden lassen. Thomas Scheytt artikuliert in seinen selbst komponierten Blues-Stücken „ein Lebensgefühl, das sich aus der Bedrückung heraus in die Fröhlichkeit entlädt", wie eine Zeitung einmal schrieb; „...sie erreichen das Niveau der amerikanischen Vorbilder", urteilte eine Fachzeitschrift für Jazz.

     

    Man höre sich hierzu aus der vorliegenden CD z.B. die Eigenkompositionen „Lost In Thought", „Loretto Infirmary" und „Inner Voices" an. Wunderbar, diese Innigkeit des pianistischen Ausdrucks! Bluesfeeling at its best! Für mich lässt Thomas Scheytt seine unverwechselbare „Handschrift" am deutlichsten in seinen ruhigen, gefühlvollen Blues-Stücken erkennen. Es handelt sich dabei nicht einfach um Musik mit Unterhaltungswert, sondern um musikalische Kostbarkeiten: tiefempfundene Ausdrucksvielfalt, filigran durchgestalteter Aufbau der Komposition mit einfallsreicher Melodieführung, groovendes Timing und effektvoll eingesetzte Agogik. Man lauscht gebannt und ist gespannt darauf, wie es weiter geht. Thomas Scheytt hat hier sein kompositorisches und pianistisches Talent und Können „1 zu 1 umgesetzt". Wer will es mir verdenken, dass ich darüber jubele, all dies künftig nicht bloß gelegentlich bei einem Live-Auftritt von Thomas Scheytt in einer Freiburger Lokalität hören zu können, sondern ungestört und „drowning in the blues" zu Hause von einer CD?

     

    Der auf beständiges Drängen näherstehender Fans zustande gekommene Sinneswandel bei Thomas Scheytt, was das öffentliche Bekenntnis zu seinen ruhigen, gefühlvollen Kompositionen angeht, hat bei der vorliegenden CD „Inner Voices" mit insgesamt 13 Titeln dazu geführt, dass neun eigene Werke berücksichtigt wurden. Thomas Scheytt hat eigentlich wieder eine Solo-CD vorgelegt, auch wenn Hiram Mutschler ihn bei sechs Titeln am Schlagzeug unterstützt; eine Begleitung übrigens, die - ebenso wie die schöne Solo-Einlage beim „Flying Fingers Boogie" - gebührende Anerkennung verdient. Das Hauptgewicht der neuen CD „Inner Voices" liegt eindeutig bei der sehr persönlichen musikalischen Aussage von Thomas Scheytt über seine inneren Empfindungen. Die Botschaft mag sich vielleicht weniger gut zum Vortrag bei Musikveranstaltungen in Gastronomiebetrieben eignen und es mag ganz allgemein die Zahl derjenigen, die sich davon erreichen lassen, von vornherein begrenzt sein - über den Blues hat einmal jemand gesagt: Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht! - dennoch muss eine solche Form der Kommunikation in unserer heutzutage oft unpersönlichen Welt ihren Platz haben!

     

    Das Gefühl des Verstandenwerdens ist vielleicht der schönste Lohn für das Bemühen eines Komponisten oder Interpreten und, so gesehen, kann Thomas Scheytt sich glücklich schätzen: Es gibt sie, diese Menschen, deren Herzen er anrührt mit dem Zauber seiner Musik und die er damit in Resonanz versetzt! Es ist ein Publikum, auf das er zählen kann, weil es - beglückt durch die Gemeinsamkeit in der Gefühlsempfindung - dem Anreger nicht nur flüchtig zugetan sein wird. Ich bin sicher, dass ich vielen damit aus dem Herzen spreche.

     

    Thomas Scheytt hat sich dem Blues, Boogie Woogie und Ragtime verschrieben. Bei dieser schon lange gepflegten und behutsam ausgereiften Vorliebe ist er keinem Zwang zum Modischen unterworfen. Sein Piano-Spiel beweist, dass diese traditionsreichen Musikrichtungen keineswegs ausgeschöpft sind. Erst recht nicht für jemand, den das Feeling der frühen Jazz-Ära beseelt und der auch weiterführende Einflüsse späterer Vertreter dieser Musik (z.B. Otis Spann, James Booker, Vince Weber) voll verinnerlicht hat, um - mit hohem Anspruch an sich selbst - eine eigene Prägung dafür zu finden. Vor allem in den Eigenkompositionen gelingt es Thomas Scheytt souverän und künstlerisch ambitioniert, neue Funken aus einer Musik mit langer Tradition zu schlagen und dabei die Echtheit und Ursprünglichkeit ihrer Wurzeln zu bewahren. Überzeugen Sie sich selbst und Sie sind um einen unvergesslichen Eindruck reicher!

     

    Dieter Stahn

 
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